Henry, der Hamster, ist tot. Eingeschläfert, erlöst von seinen letzten Qualen, an denen ich vermutlich maßgeblich beteiligt war. Ich kann nicht viel über ihn erzählen, er war der Hamster meiner Untermieterin, ich habe ihn so manches Wochenende versorgt, meine Katze mochte ihn auf eine sehr respektvolle Art, schließlich wohnte man zusammen in einer Wohnung, ich glaube sie hätte ihm kein Härchen gekrümmt, wenn ich ihr die Gelegenheit dazu gegeben hätte. Henry ist sehr alt geworden für einen Hamster: über drei Jahre, war auf einem Auge am Schluß blind und hat doch einem Menschen sehr viel bedeutet. Dieses Menschlein klopfte gestern abend sehr verheult an meine Tür und bat mich, nach Henry zu sehen, sie befürchtete, das arme Vieh sei schon tot. Doch Henry saß überaus lebendig in seinem Häuschen, zwar war alles voller Hamsterblut, aber Henry schnaufte noch. Also habe ich einen guten Teil des Abends damit verbracht, meiner Tierärztin hinterher zu telefonieren, andere Tierärzte auch nicht zu erreichen, um schließlich in einer tollen Tierklinik (die haben sich auch schon mal um einer Findelkatze gekümmert, die ich gefunden hatte) eine überaus nüchterne (ich liebe das sehr) und mit klarem Verstand gesegnete Tierärztin zu erreichen, die mit mir telefonisch die Erstuntersuchung machte. Ich klemme mir also den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter während ich den Anweisungen der Ärztin folge, das arme Vieh hochnehme, die Blutungsquelle lokalisiere und ihr ausführlich berichte, was ich sehe. Bekomme Anweisungen für die weitere Behandlung, um dem armen Hamster die letzten Stunden einigermaßen erträglich zu machen. Schicke also die liebende und schluchzende Hamsterbesitzerin aus dem Zimmer, kremple die Ärmel hoch, hole aus meinem Wanderrucksack das Erste-Hilfe-Täschchen und zücke das Desinfektionsmittel. Nehme das arme Tier aus seinem Häuschen und erkenne nun, bei genauerem Hinsehen, was die Ärztin auch schon vermutet hat: sieht so aus, wie ich mir einen Darmdurchbruch vorstelle, böse. Soll laut Telefonansage den Darm sanft in die Bauchhöhle zurückschieben (“Vermeiden sie aber jeden Streß für das Tier” – ja, schon klar, wie macht man eine Winzigdarm-Operation bei vollem Bewußtsein ohne Streß??? Für Antworten bin ich sehr empfänglich!) Ich rede auf das arme Vieh ein und sprühe es dann mit Desinfektionsmittel ein. Setze es ihn sein mittlerweile auch mit sauberen Tüchern ausgelegtes Häuschen, mache die Klappe zu und sage “Tschüß, Henry, schlaf schnell ein”. Gehe dann zu der Hamsterbesitzerin und überbringe ihr wie in einem schlechten Film die Nachricht, daß ich nicht glaube, daß Henry die Nacht überstehen wird – großes Schluchzen, ich tröste so gut ich kann und muß versprechen, daß ich es heute sein werde, die nach ihm schaut, ob er noch lebt oder nicht. Henry hat die Nacht überlebt, ich weiß zwar nicht, welch Überlebenswille ihn da geritten hat, aber er kauerte lebendig in seinem Häuschen als ich nach ihm schaute. Daraufhin ist die Besitzerin mit ihm zur Tierärztin gefahren, die die Diagnose bestätigt hat und ihn sofort eingeschläfert hat. Nun ruht er in einem Garten in seiner alten Heimat. Ach, was für ein Abend, welch Tragödie, wie ist das schlimm, so einem Vieh nicht helfen zu können und dem Menschlein auch nicht. Mein einziger Trost ist, daß das Desinfektionsmittel nicht gebrannt hat, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Mach’s gut, Henry.
PS: Nichts reicht an den Hamsternachruf von Yarn Harlot heran. Ich habe keinerlei Bindung an den Hamster gehabt, ich finde, man sollte Haustiere nicht in Käfigen halten. Aber diese Emergency-Room-Nummer von gestern Abend hat mich doch mal kurz an meine Grenzen gebracht.











Anleitung: Gabrielle von Sarah Dallas im Rowan Magazin 43. Wolle: Baumwolle von der Hamburger Wollfabrik, 750 Gramm und für den Häkelrand 10 Gramm Rowan Cotton Glace. Stricknadel: 3,00mm.